Das liebste Socialmedia-Netzwerk der Kinder macht mit Unterdrückung von Minderheiten von sich reden. Ist die Nutzung nun zu verbieten?

Was soll man tun? In der 20minuten Ausgabe vom 21. November 2019 empfiehlt Corinne Lehman den Eltern ein eigenes TikTok Profil zu erstellen, um den Kindern hier zu folgen. Am 3. Dezember 2019 schreibt nun Enno Park auf t3n: „Tiktok, tiktok, die Uhr ist abgelaufen, löscht den Mist“. Hintergrund sind Gespräche von netzpolitik.org mit Personen aus dem Dunstkreis von TikTok Deutschland. Diese Recherchen ergaben, dass TikTok beispielsweise die freie Meinungsäusserung in Hong- kong unterdrückt und auch Menschen mit einer vermuteten Beeinträchtigung in ihrer Reichweite massivst beschränkt. Auch Profile von fettleibigen Personen wurden so markiert, dass die geposteten Beiträge für die Mehrheit nicht mehr sichtbar sind. Es gibt Journalisten, die hinter den Massnahmen politische Vorgaben der Chinesischen Regierung sehen. Mindestens so wahrscheinlich sind jedoch ökonomische Überlegungen: Ein Netzwerk mit vermeintlich „nur schönen und netten Leuten“ bringt mehr Geld.

Was ist passiert?

Die Diskussion begann wohl schon 2017, als die Chinesische Firma ByteDance die Videosharing-App Musical.ly kaufte. Im Wissen um die Netz-Kontrolle sowie die Menschenrechtsverletzungen in China haben sich kritische Journalisten schon damals mit Bedenken an die Öffentlichkeit gewandt.
2019 ist nun aufgefallen, dass auf TikTok praktisch keine Bilder der Proteste in Hongkong zu sehen sind. Dies obwohl die App dort auch genutzt werden kann. Ausserdem wurde beobachtet, dass in vielen Staaten keine LGTBQI-Inhalte angezeigt werden.
So hat sich netzpolitik.org, die Plattform für digitale Freiheitsrechte, für die Praktiken von TikTok interessiert. Im Artikel „Gute Laune und Zensur“ beschrieb sie im November 2019 ein erstes Mal das Handeln von Tik Tok. Mit dem Artikel „TikToks Obergrenze für Behinderungen“ wird nun auch dargelegt, wie Personen von Moderatorinnen als „Problempersonen“ markiert und limitiert werden. Die Moderatorinnen setzen diese Tags willkürlich und ohne Recherche. TikTok argumentierte, dies geschehe zum Schutze dieser Personen. Gemäss Artikel liess Tik Tok auch verlauten, die Bestimmungen würden natürlich noch verbessert.

Was ist das Problem?

Die beschriebenen Praktiken sind aus unterschiedlicher Sicht hochgradig problematisch.

  • Menschen mit einer Beeinträchtigung haben ein Anrecht auf Äusserung im Netz. Seit die Gesellschaft auf Inklusion statt Exklusion setzt, sollte dies selbstverständlich sein. Hinzu kommt, dass auch Personen mit einer kognitiven Beeinträchtigung nicht schutzlos sind. Sie wollen auch sichtbar werden.
  • Mit dem Markieren von Profilen schafft TikTok Listen von Menschen mit einer vermeintlichen Beeinträchtigung. Solche Listen können missbraucht werden. In Anbetracht der vielen Datenlecks der letzten Jahre muss davon ausgegangen werden, dass dies früher oder später eintreten wird.
  • Mit der Praxis des Versteckens bestimmter Teilnehmer*Innen wird klar: Auch TikTok funktioniert nach rein ökonomischen Kriterien. Die Bewertung der Inhalte hat nichts mit „einer Abbildung von Welt und Kultur“ zu tun. Im Vordergrund steht wohl die Gewinnmaximierung.
  • Die Benachteiligung von Minderheiten und politischen Meinungen ist für ein Netzwerk dieser Grösse nicht in Ordnung.


Was soll ich tun?

Die Kinder mit einer Ansprache konfrontieren, auch wenn sie für ethische Argumente nicht einfach so offen sind: „Anna … Hast du gewusst, dass TikTok Profile und Beiträge von benachteiligten Menschen unterdrückt?“ „Ich finde das überhaupt nicht in Ordnung. Ich denke, dass jede und jeder ein Recht hat sich im Netz zu äussern. Was TikTok macht ist unfair. Was da läuft ist gegen die Menschenrechte.“
Damit ist gesagt: Verbote sind bei Kindern nicht immer die beste Lösung. Es kann sein, dass die in diesem Artikel angesprochene Anna in die 5. Klasse geht. Sie ist also in einem Alter, in dem sie im Tun den Umgang mit Socialmedia lernen muss. Ein Verbot würde dazu führen, dass Anna ihr TikTok-Profil einfach heimlich nutzt.
Dennoch ist es wohl unsere elterliche Aufgabe, den Kindern immer wieder zu erklären, was ok ist und was nicht. Erfahrungsgemäss speichern Kinder diese Meinung sehr wohl. Selbst wenn sie sich im Moment dagegen wehren.
Vielleicht können wir den Kindern sogar nahe bringen, warum das mit den Listen nicht ok ist. Tatsächlich gibt es auch andere Beispiele die zeigen, dass diese „Kategorisierung“ nicht in Ordnung ist. Beim Erklären kann es helfen, auf näherliegende Beispiele zurückzugreifen. Beispielsweise die Datensammlung gewisser Schulkreise der Stadt Zürich. Von Lehrkräften wurden Angaben zu Schüler*innen gesammelt, die stigmatisierend oder ungenau sind. Hier wurde gemäss Berichterstattung im Beobachter doch grosser Protest laut und es wird spürbar: Das ist nicht in Ordnung. Weitere frühere und aktuelle Beispiele zur Problematik solcher Listen finden Sie zudem im Artikel von [perspektive-daily.de: „Warum du deine Daten schützen solltest“.

Löschen befehlen?

Kindern Orientierung zu geben ist das Wichtigste. Natürlich ist etwas „mehr an Konsequenz“ zu wünschen. In diesem Sinne: Wir begrüssen es, wenn sich Erwachsene solchen Machenschaften der Internet-Giganten entziehen und die entsprechenden Dienste nicht mehr nutzen.
Bei Kindern sollte jedoch die Auseinandersetzung Vorrang haben. Es geht darum, die Diskussion zu üben. Ausserdem müssen wir lernen mit Ambivalenzen umzugehen: „Vielleicht kann ich das jetzt noch nicht löschen … aber vielleicht in einem Jahr, wenn der Hype vorbei ist.“ Als Eltern sind wir da nicht ausgenommen. Schliesslich müssen wir uns auch täglich fragen: „Darf ich noch googeln? Ist WhatsApp (alias Facebook) mit seinen massiven Übergriffen auf unsere Daten noch ok?“.
Daher ist vielleicht erst unser Vorbild gefragt: „Anna, ich werde jetzt mein TikTok löschen. Ich will einer so schlimmen Firma meine Daten nicht weiter zur Verfügung stellen. Du kannst aber weiter zu mir kommen. Wir können zusammen über deine und andere Videos sprechen.“

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