Medienkompetenz ist wichtig, löst aber nicht alle Probleme. Differenzierung tut Not. Sonst ergibt sich ein übergrosses Curriculum. Gewisse Herausforderungen müssen anders angegangen werden. Ein Diskussionsanstoss. 

Wenn man den Voten von Bundesrat und Bundesbeamten glaubt, so lässt sich die sichere und sinnvolle Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen eigentlich nur durch die Bildung von Medienkompetenz sicherstellen. Selbst wenn es um Probleme wie die Onlinesucht geht. In der Rundschau vom 27. Mai 2015 ((http://www.srf.ch/play/tv/popupvideoplayer?id=39012d00-1a74-4c35-ac2c-75a39c342c08#/t=15)) nennt der Leiter des Bundesamtes für Gesundheit die Medienkompetenzbildung als wichtigste Massnahme gegen die steigenden Zahlen von Onlinesüchtigen. Eine Überforderung des Fachs?

Die Wichtigkeit der Medienbildung wird auf allen Ebenen betont. Im Kanton St. Gallen ist ab dem 5. Schuljahr eine Lektion pro Woche Pflicht. Die Hochschulen lehren, wie Kinder im Kindergarten mit Informatik konfrontiert werden. Und selbst an Veranstaltungen für Kindergarten-Eltern wird gefragt, mit welcher App die Kinder erfolgreicher in die Zukunft gehen.

 

Zu hohe Erwartungen

Ich bin sehr für die Bildung von Medienkompetenz. Es geht um eine Schlüsselkompetenz. Dennoch sind die Erwartungen, welche gegenwärtig oft geäussert werden, zu hoch. Vielleicht auch einfach zu breit. Es ist naiv zu glauben, mit einer ausgebildeten Medienkompetenz würden signifikant weniger Menschen onlinesüchtig. Aber vielleicht ist dieser Glaube im Moment auch einfach bequemer. Schliesslich kommt jetzt mit dem Lehrplan 21 dieses Thema endlich in den Unterricht.

Ausserdem ist Medienkompetenzbildung angenehmer als andere Erziehungsaufgaben. Auch für Eltern. Das kann man tun oder auch lassen. Die Schule macht das sonst. Auf jeden Fall ist es angenehmer als Grenzen zu setzen.

Medienkompetenz kann nicht alles. Es gibt Herausforderungen und Settings, die anderer Kompetenzen oder Massnahmen bedürfen. Schon in den Grundlagen zum Nationalen Programm Jugend und Medien wird wenigstens erwähnt, dass es auch der Regulierungsmassnahmen bedarf ((http://www.jugendundmedien.ch/de/fachwissen/nationales-programm.html)). Wenn wir auf aktuelle Entwicklungen achten, so ist jedoch zu fragen, ob nicht noch weiter gedacht würden müsste.

 

Schutz einer Schlüsselkompetenz

Wenn es hier also um eine Schlüsselkompetenz geht, so muss diese auch vor überhöhten Erwartungen geschützt werden. Überhöhte Anforderungen führen zu einem aufgeblähten Curriculum. Unter solchen Vorzeichen kann Medienkompetenzbildung nur enttäuschen. Die Folgen für ein wichtiges Fach wären unabsehbar.

Für die Qualität der Medienbildung ist es unabdingbar, dass auch der Dialog über die Grenzen dieses aktuellen Grossprojektes geführt wird. Es gibt wohl Herausforderungen, die an anderen Orten, mit anderen Methoden und anderen Akteuren bearbeitet werden müssen.

 

Probleme anders angehen

Medienkompetenzbildung ist nicht DIE Lösung für alle Probleme. Es ist zu prüfen, welche Herausforderungen, die mit der Mediennutzung irgendwie in Verbindung gesehen werden, vielleicht ganz anders angegangen werden könnten. Im Sinne einer Anregung zur Diskussion:

  • Medienbildung, selbst wenn sie aufklärend ist, wird nur wenige von der Onlinesucht schützen. Aufklärung alleine schützt nicht vor Sucht. Wie die Wirkungsforschung belegt, braucht es die Stärkung diverser Schutzfaktoren. Ich-Stärke, die Möglichkeit etwas zu bewirken, Dazugehörigkeit und Frustrationstolleranz sind solche Schutzfaktoren. Diese lassen sich besser durch eine bewusste Elternschaft erreichen. Oder durch eine, auf soziale Stärkung hin, optimierte Klassenführung.
  • Auch wenn Medienbildung Aspekte der Kommunikation beinhaltet, viele Probleme in der Kommunikation mit digitalen Geräten lassen sich eben nicht bloss mit Medienbildung verringern. Vielleicht gilt es ernst zu nehmen, dass wir in einem Zeitalter leben, welches erhöhte Kommunikationskompetenzen voraussetzt. Die spezifische Förderung der Kommunikationskompetenz wäre adäquater und wirkungsvoller.
  • Weil Kinder und Jugendliche oft impulsiv handeln, ist davon auszugehen, dass es im Alltag Situationen gibt, für deren Gelingen die Vorgabe von Rahmenbedingungen und Regeln unerlässlich ist. Einfach weil es um das Funktionieren der Gruppe geht, weil ein funktionierendes Miteinander Primat hat.
  • Schliesslich sind Individuen oder Gruppen auszumachen, die spezieller Rahmenbedingungen bedürfen. Ob Menschen mit einer Behinderung, Kinder oder Betagte: Da Medienbildung bei diesen Adressaten Grenzen hat, müssen spezielle Rahmenbedingungen zum Schutze der persönlichen Integrität geschaffen werden. Heime oder Kindergärten können nicht bloss auf Medienkompetenz setzen. Die Gestaltung adäquater Bedingungen bleibt eine Aufgabe der Betreuenden.

Bestimmt gibt es weitere Punkte zu diskutieren. Bräuchten wir vielleicht politische Bildung für die Handhabung der durch die Sozialen Medien mitverantworteten postfaktischen Politik? Reichen die unter Medienkritik diskutierten Fragen zur Ethik? Oder benötigte es eben eine neue Initiative der Ethik-Bildung? Alles lässt sich nicht über die Medienkompetenzbildung „erledigen“. Dafür ist sie zu wichtig.

 

Gestaltung Beitragsbild: Joachim Zahn
Hintergrundfoto zum Beitragsbild: Aleksandr Volkov über 123RF.com