Temu, Shein und andere Billigplattformen sind allgegenwärtig, egal ob in Produktsuchen oder in den Werbeanzeigen sozialer Netzwerke. Ihr rasanter Erfolg ist kein Zufall, sondern das Ergebnis cleverer Strategien und gezielter Marketingtricks. Gerade Kinder und Jugendliche sollten auf den Umgang mit diesen Plattformen vorbereitet werden, denn hier geht es längst nicht mehr nur um günstige Schnäppchen, sondern um ein völlig neues Shopping-Erlebnis.

Was hebt die Plattformen von anderen Shopping-Seiten ab?

Temu und Shein brechen aktuell alle Rekorde und erreichen von Jung bis Alt alle Zielgruppen. Bereits Kinder und Jugendliche können sich mit wenig Taschengeld eine breite Produktpalette leisten. Supergünstige Preise sind für uns Konsument*innen zwar verlockend, hinterlassen aber oft ein mulmiges Gefühl.

Wie ist die Qualität? Wo wurde das Produziert? Was hat das für Auswirkungen auf die Schweizer Anbieter?

Diese Gedanken zeigen auf, wie fest wir Erwachsene Verknüpfungen zwischen der Online-und Offlinewelt machen. Was ich bestelle, anschaue und teile, hat auch Auswirkungen auf reale Personen und die Gesellschaft. Kinder und Jugendlichen gelingt diese Verknüpfung nicht immer, sie ist aber eine essenzielle Erkenntnis für eine umfassende Medienkompetenz.

Wer die Temu-Startseite öffnet, wird regelrecht überflutet: Rabatte, Gutscheine, zeitlich begrenzte Aktionen springen direkt ins Auge. Der Aufbau erinnert mehr an ein Game oder Sportwetten als an eine klassische Shoppingseite, und das ist kein Zufall. Diese Plattformen setzen gezielt auf ansprechende Elemente. So wollen sie Nutzer*innen dazu bringen, schneller Kaufentscheidungen zu treffen. Oft kaufen sie Produkte, die sie vorher gar nicht kannten und die sie plötzlich unbedingt haben wollen.

Diese Mechanismen sind nicht harmlos. Viele dieser Elemente stammen direkt aus der Welt der Glücksspiele. Es geht um sogenannte FOBO-Elemente (Fear of better Options), soziale Vergleichsdruck-Momente («So viele haben dieses Produkt schon gekauft»), blinkende Belohnungen, Glücksräder, Zeitdruck, scheinbare Rabatte und auffällige platzierte Buttons. Diese «Tricks» wirken oft auf einer emotionalen Ebene, besonders bei Kindern und Jugendlichen. Sie fühlen sich herausgefordert, wollen nichts verpassen (FOMO) oder erleben sogar einen kurzen Nervenkitzel, ähnlich wie beim Spielen am Automaten. Deshalb lohnt es sich, gemeinsam mit ihnen solche Elemente aufzuspüren, sie zu benennen und zu besprechen: Warum hat man plötzlich das Gefühl, etwas haben zu müssen? Warum fühlt man sich unter Druck gesetzt? Genau hier beginnt die Medienbegleitung.

Billigplattformen sind aber längst nicht mehr nur Orte für günstiges Shopping. Sie prägen zunehmend, wie junge Menschen konsumieren, Entscheidungen treffen und welche Werte sie entwickeln. Dabei geht es nicht nur um Produkte. Auch sensible Themen spielen eine Rolle: zum Beispiel Datenschutz oder der Kontakt mit Fremden über Shoppingprofile. Auch Bewertungen von Fremden können eine grosse Wirkung haben. Gerade für Kinder und Jugendliche entstehen hier neue Risiken. Darüber muss offen gesprochen werden. Zudem finden sich auf diesen Plattformen auch problematische Inhalte. Darunter sind etwa diskriminierende, sexualisierte oder extremistische Produkte. Kinder können darauf stossen, ohne danach gesucht zu haben. Darum ist es wichtig, Kinder im Umgang mit diesen Angeboten zu begleiten. Sie brauchen einen bewussten Blick dafür. Auch der Preis wirft Fragen auf. Wenn ein Haartrockner nur 7.50 Franken kostet, wurde irgendwo gespart. Sei es an fairen Löhnen, an Umweltstandards oder an der Qualität des Produkts. Ein Bewusstsein für solche Zusammenhänge sollte früh gefördert werden. Denn die Online- und Offlinewelt hängen eng zusammen.

Was können Sie konkret tun? Ein erster Schritt ist, gemeinsam mit Ihren Kindern zu untersuchen, welche Mechanismen auf sie wirken. Was fühlt sich wie ein Glücksspiel an? Welche Elemente lösen Druck oder Belohnungsgefühle aus? Löst es Freude, Unsicherheit oder Stress aus? Diese «digitale Spürnase» ist ein wirksames Gegenmittel. Es fördert nicht nur das Bewusstsein, sondern auch das Vertrauen.

Und ganz praktisch: Falls diese Shopping-Apps bei Ihnen schon Thema waren, machen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind eine kleine «Fahndung», welche Glücksspielmechanismen entdecken wir bei Temu, Shein und Co.? Gibt es ein Glücksrad? Einen Countdown? Rabatt Ticker? Grosse Versprechen in grellen Farben? Diese Erkennungszeichen können, wie Warnlichter genutzt werden. Das Bewusstsein schaffen für die Glücksspielelemente ist wichtig, trotzdem können auch noch folgende Ansätze weiterhelfen:

  • Kreditkarten bei den Geräten nicht hinterlegen
  • In- App- Käufe sperren
  • ethische Themen diskutieren, wie beispielsweise die Fast Fashion
  • Kontakt mit Fremden thematisieren Cybergrooming

Auf jeden Fall weiterhin gutes Gelingen!