Die grosse Enttäuschung
Zugegeben, viele Menschen sind von Social Media enttäuscht. Insbesondere Nutzer*innen die früher auf Facebook oder Instagram verfolgen konnten, was Freund*innen so treiben, gucken immer mehr in die Röhre. Täglich sehen wir bezahlten Content, verkürzte Schlagzeilen, Propaganda, Werbung und KI-Schrott, die unsere For You Pages fluten. Die Plattformen haben häufig unsere Aufmerksamkeit und wir scrollen immer weiter in der Hoffnung nach erfreulicheren Inhalten. Wir sehen perfekt inszenierte Bilder von Influencer*innen an den scheinbar tollsten Orten der Welt. Die Maschinen wissen: in unregelmässigen Abständen müssen sie uns etwas Ansprechendes zeigen, damit wir bei der Stange bleiben. So ist oft zu hören: Social Media ist nicht mehr, was es mal war. Mindestens wurden die Versprechen bezüglich Schwarmintelligenz und Demokratieförderung nicht eingelöst. Ein Blick auf X reicht, um diese Versprechen zu widerlegen. Radikalisierung und Extremismus haben dort deutlich zugenommen. Instagram, YouTube und Co. zeichnen aber auch kein besseres Bild ab.
Eine ehrliche Auseinandersetzung
Gerne sprechen wir darüber, dass vor allem Jugendliche mit Nachteilen von Social Media zu kämpfen hätten. Bei Gesprächen mit Eltern zeigt sich jedoch oft ein differenzierteres Bild. Auch Mütter und Väter lassen sich ablenken. Auch Erwachsene vergleichen sich online: „Der hat schon wieder ein Diplömchen.“ „Hat sich die, die Lippen machen lassen?“ „Die ist schon wieder im Restaurant essen“ Und zuweilen haben auch wir Angst etwas zu verpassen: Die WhatsApp Nachrichten, den neuen Status der Kollegin. Es könnte auch sein, dass wir die Story der Freundin verpassen! Etwas nicht mitkriegen.
Das Titelbild zeigt, dass die Sozialen Medien jedoch auch Vorteile haben könnten: Information, Inspiration, Beziehungspflege usw. Doch erreichen wir diese Vorteile auch? Eine ehrliche Auseinandersetzung könnte uns dahin bringen, nach der besseren Social Media Nutzung zu suchen.
Vorangehen
Um Jugendliche in der Medienaneignung zu unterstützen, macht es Sinn, sich solchen Überprüfungen zu stellen. Der bessere Umgang mit Social Media kann nur durch eine aktive Hinterfragung bzw. Gestaltung funktionieren.
- Gibt es Kanäle die ich einfach mal angenommen habe? Denen ich nur aus Gewohnheit folge, obwohl sie mir heute nur viel Müll in den Feed spülen?
- Bin ich bereit, in meinem Feed nur die News der Freund*innen anzuzeigen?
- Habe ich bewusst nach Profilen gesucht, die mir bei der Lebensbewältigung helfen? Migräneforum? Psoriasis-Ratgeber?
- Passen die Inspirationskanäle für meine Hobbys noch? Müsste ich die Profile ausmisten?
- Habe ich vielleicht bessere Informationsquellen und könnte die Nutzung von Instagram auf den Fun-Teil reduzieren?
- Trage ich zu einem besseren Internet bei? Mit guten Beiträgen? Mit kritischen Kurzkommentaren?
- Oder muss ich mich vielleicht doch von Social Media verabschieden, weil FOMO mein Verhalten steuert?
Social Media kann was Gutes sein. Ohne Arbeit ist es das aber meist nicht.
Eine Herausforderung für Jugendliche
Die Arbeit mit solchen Fragen mag schon eine Ahnung geben: Das ist nicht einfach. Für Jugendliche noch viel weniger. Während der Pubertät sind wir auf Vergleiche angelegt. Zur Identitätsentwicklung will die Jugendliche oder der Jugendliche sehen wie sich andere präsentieren. Man will wissen, wie die eigene Präsentation ankommt. Das erfordert zusätzlich Zeit und Engagement. Ablenkung, Abwertung und die Angst etwas zu verpassen sind daher häufige Phänomene, die zu überwinden sind.
Es kann daher nicht erstaunen, dass die jugendliche Social Media Nutzung oft mit psychischen Problemen assoziiert werden. [1] Grosse Themen: Schlafmangel, Stress, Schlechter Selbstwert und gestörtes Körperbild. Auf diesem Hintergrund sind die Bestrebungen zu verstehen, Social Media erst später zu erlauben.
Grenzen, Vorbild und Arbeit
Die bisherigen Ausführungen zeigen: Eine gelingende Social Media Nutzung geschieht nicht selbstverständlich. Viele die „einfach YouTube und/oder TikTok“ dürfen, haben die ersten Jahre mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Diese könnten mit folgenden Massnahmen kleiner gehalten werden:
- Grenzen: Prüfen Sie, ab wann etwas erlaubt sein soll. Selbst mit YouTube haben Kinder zuweilen schon zu kämpfen, die Shorts machen es nämlich nicht einfacherer. Plattformen wie TikTok oder Instagram könnten vielleicht etwas aufgeschoben werden. Zudem: Um den Kampf zu limitieren, kann es doch sinnvoll sein, die Apps in der Zeit zu limitieren. Auch wenn die Kinder Zeitlimits doof finden, es kann helfen.
- Vorbild: Dieser Aspekt wurde lange unterschätzt. Früher hatten Eltern auch noch kein Social Media. Heute können wir den Jugendlichen die gelingende Nutzung vorleben. Als Ziel. Und selbst wenn Töchter und Söhne solches Verhalten als peinlich kommentieren: Es gibt Orientierung und wird öfter kopiert als angenommen.
- Arbeit: In den (gelegentlichen) offenen Gesprächen mit den Jugendlichen über die Nutzung von Social Media sollte über oben erwähnte Fragen nachgedacht werden: „Löschst du auch wieder Profile?“ „Wie treffen dich die Vergleiche?“ „Was hilft mir bei speziellen Fragen?“ „Habe ich den Mut zwischendurch nur die Posts der Freund*innen zu betrachten?“ „Kannst du Pausen machen?“
Die Frage ist also nicht, ob Social Media auch Potenziale bietet, sondern unter welchen Bedingungen sie gegenüber den negativen Aspekten genutzt werden können.
Autor*innen: Joachim Zahn und Vanessa Hau
Quellen und Verweise
[1] Protecting the Developing Mind in a Digital Age: A Global Policy Imperative, Tara C. Thiagarajan, Jennifer Jane Newson a and Shailender Swaminathan; 2025