Mediennutzung ist in vielen Familien ein Dauerbrenner. Für neurodivergente Kinder kann sie jedoch mehr sein als blosse Unterhaltung: ein Ort der Ruhe, Struktur und Verbindung. Ein neuer Blick lohnt sich.
«Kannst du bitte das Tablet weglegen?», kaum ausgesprochen, knallt es emotional: Wut, Rückzug, Verzweiflung. Eltern mit neurodivergenten Kindern erleben Medien im Alltag oft nicht als entspanntes «Familienzeitfenster», sondern als Dauerbaustelle. Der Medienkonsum erscheint «zu viel», «zu einseitig» oder «zu intensiv». Gleichzeitig spüren viele Eltern, dass das Tablet, der YouTube-Kanal oder das Lieblingsspiel mehr sind als nur eine Ablenkung. Die oft unruhigen Kinder und Jugendlichen sind auf einmal völlig vertieft. Sie kommen zur Ruhe und können auf einmal komplexe Aufgaben lösen.
Doch Medien können für Kinder mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätsstörung), einer Autismus Spektrum-Störung (ASS) oder anderen neurodiversen Ausprägungen ein wichtiges Werkzeug sein, zur Selbstregulation, zur Verbindung oder zum Lernen. Verstehen wir das, entsteht ein Raum für einen anderen Umgang. Die App Habitica kann helfen, den Alltag spielerisch zu strukturieren oder das Spiel AutiSpark, eine App extra für Kinder im Autismus Spektrum. Aber es gibt noch andere Einflüsse im Alltag, wo wir genauer hinschauen müssen. Medien helfen manchen, sich zu beruhigen, beispielsweise durch Hörbücher, Motivationsvideos oder Sprachlernprogramme.
Medien als Inseln der Selbstregulation
Der Alltag von neurodivergenten Kindern und Jugendlichen kann sehr herausfordernd sein: zu laut, zu unstrukturiert oder einfach zu viel auf einmal. Medien bieten ihnen hier einen Rückzug, Klarheit und Vorhersehbarkeit. Ein YouTube-Video kann beruhigen, ein Computerspiel wie Minecraft die Kontrolle zurückgeben, die im Alltag oft fehlt oder verloren geht. Ebenfalls fällt es vielen einfacher, sich über die Medien auf ein Thema zu fokussieren, durch Videos, Filme oder Hörbücher.
Gaming und YouTube als soziale Räume
Oft gibt es Schwierigkeiten mit direkten sozialen Kontakten. Onlineplattformen oder Spiele mit klaren Regeln ermöglichen es ihnen, auf eigene Weise in Kontakt zu treten. Die digitalen Medien können ein soziales Fenster eröffnen, wo sonst Türen verschlossen bleiben, ohne Lärm, ohne Smalltalk, aber dafür mit Sinn, beispielsweise über Chats in Games.
Und wenn es «zu viel» wird?
Natürlich gibt es Grenzen. Wenn das Kind nur noch digital funktioniert. Wenn Schlaf, Schule oder Essen leiden, ist es Zeit, hinzuschauen. Aber statt pauschaler Verbote kann ein Gespräch auf Augenhöhe helfen: Was gibt dir das Spiel? Wovor hast du Angst?
Oft steckt eine echte Not hinter scheinbar exzessivem Medienkonsum. Beispielsweise eine Stressbewältigung vom Alltag, Strukturlosigkeit, Einsamkeit, Überforderung oder Reizüberflutung.
Es hilft auch von Anfang an, klare Strukturen und Regeln zu besprechen, dafür kann auch eine Medienvereinbarung helfen. Ein Ablagesystem in elektronsicher Form ist ebenfalls hilfreich, da auf Papier die Wahrscheinlichkeit ziemlich gross ist, dass die Unterlagen verloren gehen. Dazu sind ebenfalls Kalendereinträge besonders gut, damit kommen die Erinnerungen beispielsweise aufs Handy und dies unterstützt zugleich auch das eigene Gedächtnis.
Darum hier noch Impulse:
- Statt «Wie viel Zeit?» lieber fragen: «Wofür nutzt mein Kind Medien und wie geht es ihm damit?»
- Rituale schaffen und die Mediennutzung in den Alltag einbetten. Die Kinder gewöhnen sich daran, etwas regelmässig zu tun. Im Idealfall ist dann auch klar, immer um diese Zeit gebe ich das Tablet ab. Es ist wichtig ihnen einen strukturierten Alltag zu ermöglichen, weil Routine bedeutet auch Sicherheit.
- Interesse zeigen an den Medieninhalten der Kinder: «Was schaust du da? Was magst du daran?» Indem man fragt, was Kinder schauen und was ihnen daran gefällt, zeigt man echtes Interesse und stärkt die Beziehung und Vertrauen. Dieser Punkt braucht Zeit, machen Sie es deshalb nur wenn Sie Zeit haben.
- Eigene Unsicherheiten benennen, Kinder und Jugendliche spüren es sowieso.
Wenn wir beginnen, nicht nur zu regeln, sondern zu begleiten, entsteht eine ganz neue Qualität im Familienalltag.
In Zusammenarbeit mit Christoph Schnitter https://www.adhs-potenzial.ch/