Medienkompetenz suggeriert „anwenden können“. Das Leben verlangt mehr: „Auch mal nicht anwenden!“

Medienkompetenz ist wichtig und ist daher Teil des Lehrplanes. Die dahinterliegenden Theorien (1) thematisieren auch den Einfluss der Medien auf Beziehungen, Familie und Alltag. Nach bald 20 Jahren Vermittlungspraxis und Präventionsarbeit sind wir der Überzeugung, den Begriff für die Gestaltung der Freizeit und des Alltags in der Familie in den Hintergrund zu stellen. Denn: Der Begriff wird oft so verstanden, als es vor allem wichtig wäre, Geräte und Internet-Angebote wie Social Media richtig zu nutzen. Im Lebensalltag zeigt sich jedoch oft: Neben Medienkompetenz bräuchte es vor allem viel Selbst- und Sozialkompetenz, um sich den Herausforderungen, welche durch die Mediennutzung entstehen, zu stellen.

Eine Frage der Perspektive

Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Die Auseinandersetzung mit Medien und Medienkompetenz führt irgendwann an den Punkt, wo ich mich fragen muss, ob ich nicht zu viel am Bildschirm bin. Lehrmittel geben Hinweise, dass man einen ausgeglichenen Alltag pflegen soll. In der Praxis kommt das aber oft am Schluss. Als letzter Zusatz. Damit kommen die entscheidenden Fragen immer etwas kurz: Was würde mich denn wirklich zufrieden machen? Wie sieht ein ausgeglichener Alltag aus? Wie können offline Tätigkeiten vor Aufmerksamkeit heischenden Angeboten geschützt werden? Welche Fähigkeiten oder Skills braucht es dazu?

In diesem Sinne: Es ist wohl wichtig, Lebenskompetenz zu entwickeln. Eine Lebenskompetenz, welche mit Medien rechnet. Eben auch mit den Herausforderungen um Ablenkung, Abgrenzung, etc. 

Konzentration aufs Wesentliche

Der Perspektivenwechsel ermöglicht wichtige Fragen und neue Antworten: 

  1. Was gibt es an Wissen über eine Freizeitgestaltung, die mich zufrieden macht? Ja! Es sind folgende Tätigkeiten und Umstände: Genügend schlafen, sich für andere einsetzen, bewusst gute Pausen machen (meditieren), Gemeinschaft erleben, lächeln!
  2. Wie kann ich die psychische Gesundheit der Kinder günstig beeinflussen? Eine Broschüre der Gesundheitsförderung Schweiz benennt folgende Punkte: Aktiv bleiben, Neues Lernen, um Hilfe ersuchen, Kreatives tun, Gespräche, etc. 
  3. Wie kann ich mich gegenüber den um Aufmerksamkeit

heischenden Anwendungen abgrenzen? Bei zischtig.ch lernt man hierzu, wie ein Handy entschärft werden könnte, wie man Veränderungen initiiert, etc. 

Mit diesem Zugang ist man schneller an passenden Werkzeugen für ein gelingendes Leben „mit“ oder „trotz“ Medien. 

Der Ansatz zählt

Erwähnte Fragen und Antworten müssen natürlich vertieft werden. Es ist jedoch schon hilfreich, nicht immer über Medienkompetenz und Nutzungszeiten nachzudenken oder zu streiten. Selbst dieses Vorgehen kann etwas Beruhigung in die Medienerziehung bringen. Mit dem Fokus auf förderliche Tätigkeiten treten Konflikte um Nutzungszeiten zuweilen schon etwas in den Hintergrund. 

Obige Gedanken betreffen die Gestaltung von Frei- und Familienzeit. Sie können natürlich auf andere Aspekte übertragen werden: „Wenn ich vor dem Bildschirm sitze, welche Selbst- und Sozialkompetenz braucht es da?“ Dazu in einem der kommenden Artikel mehr. 

Quellen / Bezüge

Dagstuhldreieck und Frankfurter Medienkompetenzmodell:

https://dagstuhl.gi.de/dagstuhl-erklaerung

Broschüre Gesundheitsförderung Schweiz: