Warte ich auf den Bus, greife ich zum Handy. Im Zug greife ich zum Handy. Und in der Pause greife ich auch zum Handy. Was hat es mit diesem Reflex auf sich?

Wer Menschen bei Gesprächen zuhört, wird immer wieder Folgendes aufschnappen: „Es ist schon krass, wie heute alle am Handy kleben. Im Zug, im Bus und manchmal sogar im Gehen!“ Eine Mehrheit der 14 bis 80-jährigen greift bei jeder Möglichkeit zum Handy. Ein Reflex, den wohl die meisten kennen. Sind wir süchtig oder nicht? Während die Wissenschaft in Sachen Internet- oder Gaming-Sucht schon viel geforscht hat, stehen wir bezüglich dieser Verhaltensweise noch am Anfang.

Keine Panik!

Im Alltagsgespräch ist oft von Handysucht die Rede. Bezogen auf den eigentlichen Begriff von Sucht kann jedoch gesagt werden, dass dies für viele nicht zutrifft. Das Smartphone hat so viele Funktionen wie ein „Schweizer Allzweckmesser“ (Montag 2018, S13). Es ist nur verständlich, wenn wir das Handy immer wieder hervorholen und damit etwas tun. Wir haben uns an die vielen Dienste und (vermeintlichen) Entlastungen gewöhnt. So wird auch von einem „habitualisierten Verhalten“ gesprochen. Im Weser Kurier wird die Einschätzung des Kommunikationswissenschafters Christoph Klimt wie folgt wiedergegeben: „So würden ‚ein bis zehn Prozent‘ an Online-Sucht als therapiebedürftiger Krankheit leiden. Die allermeisten Menschen hätten ihren Smartphone-Gebrauch habitualisiert und seien nicht süchtig.“1

Hab ich ihn?

Viele Menschen oder Eltern durchleben Phasen intensiver Handynutzung. Und wohl auch Phasen, innerhalb derer man immer wieder reflexartig nach dem Handy greift. Gemäss einer Studie der Uni Bonn2 aus dem Jahr 2015 tasten wir alle 18 Minuten nach dem Smartphone. 2020 liegt der Durchschnitt wohl bei 15 Minuten.
Oft liegt man in der Selbsteinschätzung etwas daneben. „Nein, ich doch nicht!“ Eine App-Kontrolle kann hier etwas zur Versachlichung beitragen. Die Probanden der Uni Bonn etwa sammelten die Daten mit der App „Menthal“3. Diese ermöglicht zudem, etwas über den Zusammenhang zwischen eigenen Nutzungsgewohnheiten und empfundener Zufriedenheit in Erfahrung zu bringen.
Dennoch kann auch Selbstbeobachtung eine ungefähre Antwort liefern:

  • Greife ich beim Warten nach dem Smartphone?
  • Nutze ich das Smartphone bei der Fahrt mit Bus oder Bahn sehr oft?
  • Greife ich in Pausen nach dem Smartphone?
  • Greife ich auf dem Skilift nach dem Smartphone?
  • Greife ich vor dem ins Bett gehen nach dem Smartphone?
  • Habe ich Ortskarten, Orientierung, Lesen von News, Mailen, Einkaufslisten und Notizen aufs Handy verlagert?

Wenn Sie 4 dieser Fragen mit „ja“ beantworten, so spielt der Smartphone-Reflex auch in Ihrem Leben eine Rolle.

Ist das ein Problem?

Wie eingangs erwähnt, ist ein gewisses Mass an Smartphonenutzung normal geworden. Man braucht nicht gleich von Sucht zu sprechen. Mindestens aber sollten auch andere, mögliche Auswirkungen beachtet werden:

  • Eine Studie des Leibnitz Institutes für Wissensmedien4 hat aufgezeigt, dass Eltern, die zu lange am Handy sind, in der Feinfühligkeit gegenüber den Kindern beeinträchtigt sind.
  • Den Kindern wird ein schlechtes Vorbild gegeben.
  • Mit der Zeit brauchen wir das Handy zur Stressbewältigung. Auch dies kann eine problematische Abhängigkeit darstellen.
  • Anhaltende Konzentrationsarbeit kann schwieriger werden.
  • Auch sind wir in der Wahrnehmung des Umfeldes beeinträchtigt. Dies führt zu Situationen, innerhalb derer man sich unsensibel oder gar unanständig verhält.
  • Andere Formen von Selbstbeschäftigung und Stressbewältigung gehen verloren. Selbst die längere Beschäftigung mit eigenen Gedanken kann bedrohlich werden.
  • Das Handy als fast einzige Informationsquelle zu nutzen, führt dazu, dass wir von Tracking-Diensten noch mehr ausspioniert werden. Google wie auch Medienhäuser werden nur noch präsentieren, was „halt so interessiert“.
  1. https://www.weser-kurier.de/region/delmenhorster-kurier_artikel,-wie-smartphones-den-alltag-veraendern-_arid,1838364.html []
  2. https://www.uni-bonn.de/neues/195-2015 []
  3. Nur für Android erhältlich: https://play.google.com/store/apps/details?id=open.menthal []
  4. Wolfers, L., Kitzmann, S., Sauer, S. & Sommer, N. (2019). Phone use while parenting: An observational study to assess the association of maternal sensitivity and smartphone use in a playground setting. Computers in Human Behavior. Bezug: https://idw-online.de/de/news728012 []
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