Kinder welche in einem Heim aufwachsen, werden mit unterschiedlichsten Regeln konfrontiert. Dies gilt auch in Bezug auf digitale Medien. Nur sind es nicht die Eltern welche diese Regeln festlegen, sondern das Betreuungsteam. Dieses besteht aus Fachpersonen mehrerer Berufsgruppen. Nicht verwunderlich also, dass es unterschiedlichste Meinungen zu diesem Thema gibt. Der nachfolgende Alltagsbericht zeigt auf, wie mit dieser Thematik umgegangen werden kann.

 

Die Frage stellt sich

Ich arbeite in einem Kleinkinderheim. Lange war klar: Wir fördern die Kinder im Umgang mit digitalen Medien nicht zusätzlich. Heute wird immer öfter die Frage gestellt, ob man Kinder nicht an genau diese digitalen Medien heranführen müsse. Schliesslich sollten die Kinder auf einen normalen Alltag vorbereitet werden. Diese Diskussion führt zu einem Dilemma, welches auch uns Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen immer öfter beschäftigt. An dieser Stelle ein kurzer Einblick.

 

Ungleiche Regelungen

Es soll erwähnt sein, dass Institutionen grundsätzlich weder gleiche Leitideen noch gleiche Konzepte haben. Somit können die Aussagen in diesem Artikel nicht auf alle Institutionen übertragen werden. Es soll lediglich einen Einblick geben werden, wie ich die aktuelle Diskussion an meiner Arbeitsstelle erlebe.

 

Offline geht!

Obwohl digitale Medien im bewussten Umgang erlaubt sind und eine ausführliche Handhabung im Konzept erläutert wird, treffe ich auf keiner Wohngruppe einen Fernseher an. Nirgends steht auf den Wohngruppen ein Computer oder Laptop rum und es sind auch keine Smartphones oder Tablets ersichtlich. Die digitalen Medien sind im Alltag nicht sichtbar und sie werden offensichtlich nicht vermisst. Die Kinder spielen vergnügt mit Legos, ihren Puppen, bauen eine Eisenbahnlinie, musizieren, tanzen, malen oder basteln. Auch im Garten haben die Kinder ein grosses Spielangebot, um die Welt im direkten Kontakt zu erkunden.

 

Medienkonsum als Konsequenz

In vielen Institutionen wird das Normalitätsprinzip gross geschrieben. Man versucht den Kindern einen Alltag zu ermöglichen, welcher so normal wie möglich ist. Und dies obwohl die Lebenswelten der Kinder, welche im Kleinkinderheim leben nicht der Normalität entsprechen. Wenn ich mir die familiären Situationen der Kinder im Heim anschaue, lässt sich feststellen, dass die meisten Familien einen niedrigen sozioökonomischen Status haben. Städtische Wohnlage, niedriger Bildungsstand und ein niedriges Grundeinkommen. Alltag bedeutet hier: Überforderung und ein bescheidenes soziales Umfeld. Es braucht viel Energie sowie finanzielle Mittel um mit den Kindern in den Wald zu fahren, in die Badi zu gehen, ihnen eine Freizeitaktivität in einem Verein zu vermitteln oder Gspändli der Kinder zum Spielen einzuladen. Die Verlockung die Kinder mit dem Fernseher, dem Smartphone oder Spielkonsolen zu beschäftigen ist hier sehr gross. Jedoch werden diese Kinder oft nicht adäquat im Medienkonsum begleitet.

 

Was ist denn normal?

Zuhause würde der Fernseher im Wohnzimmer stehen und der Laptop, das Smartphone oder das Tablet irgendwo sonst in Sichtweite sein. Im Kinderheim sind diese digitalen Medien zwar ebenfalls zugänglich, sie liegen jedoch nicht einfach so rum. Sie sind in einer Schublade versorgt. Einen Fernseher gibt es nicht, jedoch einen Beamer welcher im grossen Gemeinschaftsraum im Untergeschoss steht. Die Kinder besitzen noch keine eigenen Smartphones und die Sozialpädagoginnen/en haben ihr privates Smartphone nicht auf der Gruppe. Der elterliche Kontakt ist beschränkt, so dass die Mehrheit der Eltern sich während dem Besuch auf ihre Kinder statt auf ihre eigenen Smartphones konzentrieren. Und falls es andersrum wäre, würden die Fachpersonen dies nicht befürworten und die Eltern motivieren, sich während der Besuchszeit auf ihre Kinder, statt auf ihr Handy zu fokussieren. Entspricht der Umgang mit digitalen Medien bei uns im Kinderheim nun der Normalität unserer Gesellschaft? Oft sind bei meiner Arbeitsstelle folgende zwei Positionen zu hören.

 

Medienfreie Kindheit!

Wie zu Beginn bereits erwähnt, ist im Kinderheim zu beobachten, dass Kinder die digitalen Medien wirklich nicht vermissen. Dies trifft dann zu, wenn sie nicht in Sichtweite sind und viele andere attraktive Spiel- und Lernmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Zudem spielen die Kinder vermehrt in der Turnhalle und im Garten. Dies tun sie jeweils mit den anderen Kindern zusammen. Da gibt es reihenweise Argumente, welche für die Gesundheitsförderung und die dabei erlernte Sozialkompetenz sprechen.

Zudem sind sich die Fachpersonen einig, dass Kinder die in den ersten Jahren wenig bis keine Medien nutzen, keinen Nachteil erfahren. „Denn im Kleinkindalter sind Erfahrungen abseits des Bildschirms besonders wichtig und Wertvoll.“ (Hippeli E., 2014: Medien-Kids, Seite 57)

 

Kinder müssen den Umgang lernen!

Die Kinder im Kinderheim stammen oft aus Familien, in denen digitale Medien vornehmlich als Freizeitbeschäftigung dienen. Darum bin ich der Meinung, dass die Fachpersonen in Kinderheimen sich dafür einsetzen sollten, dass den Kindern ein gesunder Umgang mit digitalen Medien beigebracht wird. Dafür müssen die digitalen Medien für die Kinder zugänglich sein. Die Fachpersonen sind somit aufgefordert, sich in diesem Bereich fehlende zeitgemässe Kompetenzen anzueignen.

 

Balanceakt

Meiner Meinung nach ist ein vollständiger Verzicht digitaler Medien keine Lösung. Wir sollten den Kindern den Umgang mit digitalen Meiden nicht verbieten oder sie umständlich von ihnen fernhalten. Früher oder später, werden alle Kinder, zumindest in der Schweiz, mit digitalen Medien konfrontiert sein. Daher ist es dringlich, ihnen einen normalen Umgang mit digitalen Medien beizubringen. Nur wenn sie sich aktiv damit auseinandersetzen und der Medienkonsum begleitet und reflektiert wird, erweitern sie ihre Medienkompetenzen, die in unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken sind. Es gibt ganz viele schöne Möglichkeiten die Kinder an einen normalen Umgang mit digitalen Meiden heranzuführen.

 

Inspiration

Wie man mit Kindern den Medienkonsum üben kann, lesen sie in folgendem Bericht von Raphael Staubli:

https://zischtig.ch/medienlernen/

 

Viel Spass wünsche ich der ganzen Familie und den Institutionen im Umgang mit digitalen Medien und Kindern.

 

Text: Isabelle Omlin
Lektorat: Andy Würsch
Illustration: Ausschliesslich für diese Publikation freigegebene Kinderzeichnung

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