Unsere Erfahrungen zeigen: Der Krieg belastet Kinder. Und doch: Die Neugierde treibt sie an, nach entsprechenden Inhalten zu suchen. Wie können wir begleiten?

Der Krieg in der Ukraine ist momentan auf vielen sozialen Netzwerken Thema Nummer eins. Auf jeder Plattform sollte mit Inhalten dazu gerechnet werden, seien es Videos von Familien, die sich trennen, von Feuer und Schüssen in der Distanz oder von Sirenen, die durch leere Städte hallen. Auch Gewaltsituation oder Videos, in denen verstümmelten Körperteile zu sehen sind, tauchen auf. Diese Bilder und Videos können verstören und Angst einjagen. Insbesondere wenn zwischen seichter Unterhaltung plötzlich und unerwartet ein solches Video auftaucht.

Wie gehen Kinder vor?

Eine der meist genutzten Apps bei Kindern und Jugendlichen ist TikTok. Derzeit kann man auf dieser Platform den Krieg in der Ukraine direkt mitverfolgen. Diese Videos sind nicht kindergerecht und werden schnell verbreitet. Leider gilt: Je brutaler, desto faszinierender. Schon mehrere Kinder haben uns solche Videos gezeigt. Diese Posts haben sie sogar unter ihren Favoriten gespeichert oder an Freunde und Freundinnen weitergeschickt. Nicht weil sie die Inhalte toll finden, sondern weil sie das Thema beschäftigt und weil sie, genau wie Erwachsene, neugierig sind. Wenn Menschen etwas nicht verstehen, neigen wir dazu, nachzuforschen.

Die Neugierde bei einigen Kindern und Jugendlichen ist so gross, dass sie beispielsweise auf der Karte in Snapchat bewusst auf die Ukraine klicken, um Inhalte zu sehen, die Betroffene vor Ort in den letzten Stunden gepostet haben.

Auch auf Instagram werden Beiträge geteilt und es wird zu Spenden und Solidarität aufgerufen. Die weltweit sichtbare Solidarität kann auch Hoffnung spenden. Social Media zu verbieten kann also nicht die Lösung sein. Wir sind jedoch herausgefordert eine Gratwanderung zu leisten: Ereignisse einzuordnen und Verarbeitung zu ermöglichen – ohne Social Media zu verbieten. Und zu erkennen, dass jetzt auch viele Fake News entstehen und verbreitet werden – ohne die Möglichkeiten der Vernetzung schlecht zu machen.

Was mach ich konkret?

Was heisst das nun: wie begleite ich meine Kinder in dieser schwierigen Zeit? Kinder und Jugendliche sind einfach sehr neugierig. Daher suchen viele auch aktiv nach Inhalten aus dem Krieg. Diese Neugier ist ganz normal. Bei Erwachsenen ist der Krieg schliesslich auch ein grosses Thema.
Es besteht ein Konsens darüber, dass es sich lohnt, schon bei kleinen Gelegenheiten über das Thema zu sprechen. Macht Ihr Kind Andeutungen? Beobachten Sie den „Konsum“ entsprechender Inhalte? Kommen Berichte aus der Schule? Nehmen Sie sich fürs erste wenigstens 30 Minuten Zeit. Tipp: Es kann helfen, anzubieten, gemeinsam kindertaugliche Informationsfilmchen vorzuschlagen: „Ich merke wie dich der Krieg beschäftigt. Komm, wir schauen uns dazu ein Video an.“ Auf der jugendundmedien.ch oder auf wireltern.ch gelangen Sie zu Webseiten, die aufzeigen, wie man darüber spricht und Kindern den Krieg erklären kann. Die Kinderkanäle «neuneinhaalb» oder Kirakaa erklären kindergerecht.

konkrete Tipps

Wir von zischtig.ch merken in unserer Arbeit einen deutlichen Unterschied bei Kindern, bei denen das Thema Krieg zuhause besprochen wird. Solche Kinder können die Geschehnisse oft besser einordnen und sich besser distanzieren.

  • Wir empfehlen die Kinder durch ihre Neugier und die vielen Informationen zu begleiten. Anstatt dass sich Kinder und Jugendliche Infos nur aus sozialen Netzwerken holen, können Sie mit Ihnen zusammen am Abend aktuelle Geschehnisse einordnen. Je nach Alter empfiehlt es sich kindergerechte Formate, eine seriöse Zeitung oder die Tagesschau anzuschauen. Wir treffen auch auf viele Lehrpersonen, die sachlich und kindergerecht informieren.
  • Die Möglichkeit, ununterbrochen News zu erhalten, kann ungesund sein. Wir brauchen Pausen. Es ist daher auch für Kinder und Jugendliche wichtig, sich in andere Lebensbereiche zurückzuziehen und sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Beispielsweise in den Sportverein gehen, beim Kochen helfen oder andere Hobbys verfolgen. Sogar über eine temporär engere Begleitung mit Bildschirmzeit oder smartphone-freie Zonen kann nachgedacht werden.
  • Es ist aktuell kaum zu vermeiden, dass man auf Fake News stösst. Zum Teil ist es sehr schwierig festzustellen, ob Nachrichten Fake sind oder nicht. Bei diesem Artikel „Fake News erkennen“ können Eltern lernen, Fake News zum Krieg besser zu erkennen. Zudem empfehlen wir Mimikama.at. Diese Organisation leistet immer wieder grossartige Arbeit in der Aufdeckung von Fake News. Je nach Alter und Stand des Kindes kann dabei auch der Instagram-Kanal angeschaut werden @mimikama.at oder sogar abonniert werden. Dabei ist aber zu bedenken, dass dadurch das Thema Krieg noch präsenter in der eigenen Timeline von Instagram verankert wird. Ausführlichere Recherchen finden Sie auf CORRECTIV.
  • Im Artikel Kriegsvideos auf Tiktok: „Es ist wichtig, aus dieser Endlosschleife herauszukommen“ finden Sie weitere Infos, wie Sie Ihre Kinder vor Kriegsinhalten auf TikTok schützen können.
  • Last but not least: Leben Sie vor! beschreiben Sie selber, wie Sie der Krieg und die Medienberichte belasten, wie Sie die Angst erleben. Und schalten Sie auch selber die Geräte immer wieder aus.
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