An Elternabenden im ausklingenden Jahr 2014 ist dies eine der häufigsten Fragen: „Ab welchem Alter soll man einem Kind ein Handy geben?“ Schliesslich geht es auf Weihnachten zu und die Eltern erinnern sich, dass in den letzten Monaten oft zu hören war, dass in der Schule ALLE schon ein iPhone hätten. Da ein Smartphone ein Gerät für Erwachsene ist, sollte mit der Übergabe an Kinder eigentlich so lange wie möglich gewartet werden. Nun sind es aber immer mehr Primarschüler, die bereits über ein smartes Phone verfügen und ihr Kommunikation damit gestalten. Pädagogische Haltung und gesellschaftliche Realität stehen im Widerspruch.

Das Spannungsfeld

Eltern, die mit dieser Frage konfrontiert werden, sind nicht zu beneiden. Schliesslich geht es nicht bloss um den Entscheid ob es ein iPhone oder ein Samsung Galaxy sein soll. Gewichtiger sind folgende Fragen:

  • Lässt sich die Beschaffung eines Smartphones noch aufschieben oder ist mein Kind sonst wirklich von einem wichtigen Teil der Kommunikation ausgeschlossen?
  • Wenn wir ein Smartphone kaufen: Können wir das Kind angemessen begleiten?
  • Und wenn ja: Welche Regeln wären wichtig? Habe ich den Nerv diese durchzusetzen?

Sie vermuten richtig: Eigentlich wäre es gut, wenn man noch etwas zuwarten könnte. Doch die Kinder wollen mittels dieser Geräte kommunizieren. Erwachsene tun das schliesslich auch, mit einer grossen Selbstverständlichkeit. Und es ist tatsächlich auch so, dass Kinder, welche zulange von den technischen Möglichkeiten ferngehalten werden, komisch werden können. Folgende Gedanken könnten helfen die Gratwanderung zu gehen. Jugendmedienschutz muss Folgendes bedenken:

 

Eine einfache Regel vorab!

Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage verlangt nach einer ausführlichen Antwort. Zur Vereinfachung hier aber eine vereinfachte Regel vorab:

  • Bis zum 3. oder 4. Schuljahr sollten die Kinder auf keinen Fall ein eigenes Handy haben. Ausnahmsweise kann ihnen gelegentlich ein „Notfallhandy“ überlassen werden. Dazu reicht aber ein altmodisches „Tastenhandy“.
  • Ab dem 5. oder 6. Schuljahr kann man den Kindern ein Smartphone mit Prepaid-Vertrag zutrauen. Voraussetzung ist, dass Sie Nutzungsregeln und Kontrollen definiert haben und bereit sind, diese auch im Streit zu verteidigen. Sie müssen mit zusätzlichen Konflikten rechnen.
  • Ab der Oberstufe sollten die Jugendlichen für die alltägliche Kommunikation ein Handy zur Verfügung haben. Nach wie vor müssen Eltern aber für die sinnvolle und korrekte Nutzung einstehen oder gar kämpfen.

 

Ab 5. oder 6. Schuljahr?

Wenn wir unsere Beobachtungen über die deutsche Schweiz hinweg systematisieren, so fällt auf, dass im 5. Schuljahr geschätzte 45% der Kinder über ein Handy verfügen können. Wenn wir die iPod touch und die gelegentlich verwendeten Tablets sowie die heimlich gehaltenen Geräte dazurechnen, sind es rund 70% der Kinder, die über Chat-Möglichkeiten verfügen. Unter diesen Voraussetzungen sind wir der Meinung, dass wir verpflichtet sind, den Kindern im 5. oder 6. Schuljahr einen „guten Umgang“ mit diesen Geräten aktiv beizubringen. Der „gute Umgang“ heisst, dass die Kinder folgendes lernen müssen:

  • Das Offline-Spiel ist wichtiger! Smartphones werden vor allem für die Kommunikation, für Kreatives und fürs Lernen eingesetzt.
  • Konsum und Gaming müssen beschränkt werden. Viel Bildschirm tut keinem Menschen gut. Mami und/oder Papi muss mir daher Grenzen setzen.
  • Während dem Essen, während der Nacht und wenn meine Aufmerksamkeit gefragt, ist ruht das Handy bei meinen Eltern.
  • Auch wenn ich ein Smartphone, einen iPod oder einen Fernseher habe, so muss ich doch lernen, Langeweile anders auszuhalten als mittels Unterhaltung über diese Geräte.
  • Gefährlich ist auch, dass diese Geräte viel Ablenkung schaffen. Allenfalls braucht es Tricks, um noch in Ruhe Aufgaben machen zu können. Vielleicht braucht es auch Hilfe, damit die Hobbys nicht vernachlässigt werden. Denn das würde sich auf meine Zukunft negativ auswirken.

Das einfachste ist, wenn Sie mindestens diese fünf Punkte mit ihrem Kind direkt besprechen und die Regeln präzisieren. Beispielsweise könnten Sie gleich festmachen, dass das Smartphone jeweils um 20:00 Uhr abgegeben werden muss. Das geht in vielen Familien erst nicht ohne Zoff. Doch das steht quasi im Kleingedruckten: „Wer dem Kind ein Handy schenkt, verpflichtet sich den zusätzlichen Ärger hinzunehmen und die neue Erziehungsverantwortung wahrzunehmen.“

 

Oberstufe?

Natürlich: Wenn es in der Gemeinde anders läuft, so ist auch ein späterer Einstig in die Handy-Nutzung angezeigt. Es ist aber davon auszugehen, dass an der Sekundarschule oder im Gymnasium die Kommunikation mittels Smartphone als „State of the art“ bezeichnet werden muss. Mit anderen Worten: Hier gehören WhatsApp, Snapchat und Instagramm einfach zur täglichen Kommunikation. Ohne geht es wirklich fast nicht mehr. Facebook ist weniger ein Thema.

 

Abo oder Prepaid?

Die Verführung ein Abonnement zu wählen ist gross. Schliesslich gibt es dazu ein vergünstigtes Mobiltelefon. Die Kinder behaupten auch gerne, dass alle schon ein Abo hätten. Dem ist keinesfalls so. Wir empfehlen ganz klar: Starten Sie mit einer Prepaid-Karte. Die Kinder müssen lernen das Guthaben zu verwalten, Kinder und Jugendliche müssen lernen Geld einzuteilen. So gesehen ist die Prepaid-Karte auf jeden Fall die kostengünstigste und sinnvollste Variante.

Zudem: Der Bezug von „Internet-Daten“ ist bei den Prepaid-Modellen nach wie vor sehr teuer. Damit schützen Sie ihr Kind vor endlosem Surfen und dem Konsum von zu vielen Filmchen.

Natürlich werden die Kinder argumentieren, dass sie für WhatsApp auch unterwegs Daten bräuchten. Folglich „müssten“ sie ein Abo haben. Dem ist entgegen zu halten, dass an vielen öffentlichen Orten und auch zuhause WLAN zur Verfügung stünde.

 

Weitere Tipps?

Wie erwähnt geht die Einführung des Handys selten konfliktfrei über die Bühne. Hier noch ein paar Tipps zur Vereinfachung:

  • Sobald ein Kind ein Handy hat, will es dies auch als MP3 Player und als Wecker nutzen. Es wird also dafür kämpfen, das Gerät auch nachts im Zimmer haben zu können. Inzwischen hat sich gezeigt, dass es entspannend wirkt, wenn von Anfang an klar gemacht wird, dass für das Wecken nach wie vor ein klassischer Wecker genutzt werden muss. Achten sie weiter darauf, dass dem Kind ein einfacher MP3-Player zu Verfügung steht. Gute MP3-Player sind ab 30 Franken erhältlich.
  • Bestehen Sie unbedingt auf den handyfreien Zeiten. Dies geht etwas einfacher, wenn Sie selbst mitmachen.
  • Es ist einfacher die handyfreien Zeiten einzufordern, wenn geklärt ist, wo das Handy in dieser Zeit zu liegen hat. Wir empfehlen, dass Sie dazu „Handy-Kistchen“ aufstellen. Wie das aussehen kann, sehen sie im Artikel „Räume und Zeiten ohne digitale Medien“ auf dieser Seite.
  • Auch hier gilt: Die Kinder sind technisch nicht so fit wie Erwachsene manchmal denken. Sie probieren einfach alles aus. Da ist es sinnvoll, wenn im näheren Umfeld jemand benannt wird, der mit den Kindern auch mal Technisches und Einstellungen unter die Lupe nimmt. Ist das Roaming richtig eingestellt? Werden Photos die mit WahtsApp reinkommen auch im Fotoalbum gespeichert? etc.

 

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