Die vielen Hinweise und Tipps für die Medienerziehung müssen immer wieder angepasst werden. Weil die Kinder älter werden. Oder weil nicht alle Kinder gleich sind. Aber auch, weil ich als Mutter oder Vater etwas nicht kann oder will. Wie vorgehen?

Die zunehmende Gerätevielfalt, Varianten von Apps und rasanter Fortschritt der Technik schaffen permanent neue Möglichkeiten. Und weil die Kinder laufend älter werden, müssen Begleitung und Medienregeln immer wieder angepasst werden. Diese Tatsachen bieten deshalb genügend Anlass zur Vermutung, dass man sich in der Medienerziehung von heute nicht mehr an in Stein gemeisselte, universelle Prinzipien halten kann. Natürlich kann man einer Mehrheit von Kindern bereits im 5. Schuljahr ein Handy überlassen. Aber eben nicht jedem.

 

Vier Fragen

Pauschal lassen sich die fortlaufend auftauchenden Fragen und Unsicherheiten zu digitalen Medien in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen kaum beantworten. Als Eltern müssen wir uns wohl damit abfinden, dass wir auch immer wieder mal Anpassungen vornehmen müssen. Um hier etwas Orientierung zu finden, kann es helfen, immer wieder die folgenden vier Aspekte zu bedenken:

 

1. Wo steht das Kind?

Wie alt ist das Kind? Ist es sehr medienaffin oder gar prädestiniert nicht mehr vom Bildschirm wegzukommen? Ist es eher vorsichtig oder eher wild veranlagt? Vermeidet es rausgehen? Vermeidet es abmachen? Ist sein Alltag noch ausgeglichen? Wie ist die Sprache entwickelt? Wie ist die Motorik entwickelt?

Sie selber kennen Ihr Kind am besten. Sie können daher beurteilen, wie gross das Risiko ist, dem Kind schon ein Gerät zu überlassen. Sie können sicher am besten ermessen, ob Ihr Kind vielleicht nicht doch etwas mehr Schutz braucht. Ist die Sprache noch nicht so toll entwickelt, so sind Smartphone und Tablet eine schlechte Idee. Ist die Motorik entwicklungsbedürftig, so braucht es klare Regeln, damit die Kinder genügend draussen spielen.

Klar: Tendenziell werden die Kinder von den eigenen Eltern gerne überschätzt. Vor allem dann, wenn es einfacher ist, den Wünschen der Kinder zu entsprechen. Wer sich das aber bewusst ist, kann die passenden Entscheidungen treffen.

 

2. Wo stehe ich?

Als erstes ist zu Fragen, ob ich als Mutter oder Vater fit genug bin, den nächsten Schritt zu gehen. Kann ich das Kind fachlich begleiten? Oder müsste ich mich erst mal über Snapchat informieren. Aber auch: Habe ich die Nerven, dem Kind die notwendigen Grenzen zu setzen, wenn es ein eigenes Smartphone hat?

Zum anderen geht es hier um das Vorbild. Die Vorbildrolle der Eltern lässt sich ambivalent betrachten. Einerseits steht man in gewissen Situationen am Anschlag; sagt man was, wird vom Kind doch sowieso das Gegenteil gemacht. Andererseits sind für ein Kind die Eltern die nächste und wichtigste Sozialisationsinstanz. Auch wenn dies in den rebellischen Phasen der Pubertät eventuell nicht immer zum Ausdruck kommt, das elterliche Vorbild wirkt nachhaltig.

Vielleicht muss man sich als Elternteil in seiner Vorbildrolle erst einmal finden. Kinder beobachten und registrieren genau, wenn Papa im Bett noch Netflix schaut oder Mama am Mittagstisch noch ihre Mails auf dem Handy abruft. Es ist also sinnvoll Regeln aufzustellen, an die sich die gesamte Familie hält. Gleichzeitig empfiehlt es sich, transparent zu sein. Das heisst, dem Kind gegenüber auch die eigenen Schwächen eingestehen; niemand ist perfekt. Ein gutes Vorbild und klare Regeln wirken natürlich auch immer präventiv und schützend.

 

3. Welchen Schutz braucht das Kind?

Ein Smartphone bietet uneingeschränkte Möglichkeiten. Und mit zahlreichen Nutzungsoptionen gehen automatisch auch Risiken einher. Allgemein bekannt ist, dass zu viel Bildschirmmedien-Konsum der Gesundheit schadet. Zudem gibt es im Internet für Kinder unangemessene Inhalte unterschiedlicher Arten. (Siehe auch: zischtig.ch/whatsapp-fuer-kinder/) Das Handy fungiert als Kamera, Informant, Zahlungsmöglichkeit, Kontaktbörse, Spielkonsole und Fernseher, all-in-one. Kinder und Jugendliche sehen in erster Linie nur den Unterhaltungsfaktor. Den Gefahren sind sie sich selten bewusst und können daher auch nicht immer entsprechend reagieren.

Hier sind die Eltern gefragt: Was darf das Kind? Welche Informationen braucht es dazu? Wie viel darf das Kind? Welche Hilfestellungen braucht es um Zeiten einzuhalten? Wann werde ich, welche Kontrollen durchführen? Wann werde ich mit dem Kind die Anwendungen reflektieren? Wo braucht es spezielle Unterstützung? Wie kann ich einen unaufgeregten Umgang mit Problemen anbieten? Zu wem könnte das Kind bei Schwierigkeiten auch noch gehen? Welche Privatsphäre-Einstellungen erwarte ich? etc.

Deshalb ist es wichtig, das Erziehungsberechtigte wissen, auf welchen Internetseiten, Programmen und Apps ihre Kinder aktiv sind. Am besten werden Apps selbst ausprobiert oder gemeinsam mit dem Kind unter die Lupe genommen; so wissen Sie, wovon das Kind spricht und können die Situation auch besser beurteilen. Bei so vielen Möglichkeiten sind Regeln und Beschränkungen nötig, da auch in der Mediennutzung die Grenzen gerne ausgetestet werden.

 

4. Welche Förderung braucht das Kind?

Schliesslich bedarf es aber auch einer gewissen Förderung. Kinder sind nicht so fit, wie gerne behauptet wird (siehe auch: „Sind Kinder fit?“). Kinder und Jugendliche sind auf Erwachsene angewiesen, die eine kreative und gewinnbringende Mediennutzung ermöglichen, fördern und gar verlangen. Kindern soll aufgezeigt werden, dass Medien nicht nur dem Konsum dienen, sondern dass auch Profitpotenzial besteht. Das Schaffen von Inspiration und Möglichkeiten zur medialen Gestaltung oder zum digitalen Lernen gehört hier dazu. Unterstützen Sie das Kind mit Aufgeschlossenheit, drohen sie nicht gleich mit Medienentzug, wenn mal etwas schief läuft. Decken sie mögliche Blockaden auf, suchen sie im Gespräch nach möglichen Ursachen und Lösungen.

Digitale Medien können überlegt in den Alltag eingebaut werden, ohne die Ausgewogenheit zu beeinträchtigen. Medienfreie Zeit ist wichtig, oft können digitale Medien auch für Offline-Tätigkeiten genutzt werden. Auf Pinterest findet man beispielsweise diverse Bastel- und Outdoor-Ideen. Auf den gemeinsamen Familienausflug kann eine Kamera mitgenommen werden und das Kind kann beauftragt werden den Ausflug zu dokumentieren.

Um die mediale Kreativität zu fördern, braucht man auch nicht zwingend pädagogisch hoch wertvolle Apps. Auch mit den Standard-Programmen wie der Kamera, dem Mikrofon oder dem Ortungsdienst lässt sich was machen. Sowohl bei diesen Funktionen wie auch bei spezifisch bildenden Apps gilt einfach; begleiten Sie das Kind, informieren Sie sich und bieten Sie Hilfe an.

 

Und nun?

Wer sich diese Fragen immer wieder mal stellt wird punkto Medienerziehung in Bewegung bleiben. Die Erfahrung hat gezeigt, dass mit diesen vier einfachen Fragen meist auch die wichtigsten Fragen gestellt und daher die wichtigsten Massnahmen getroffen werden. Nach einer gewissen Zeit geht vieles ohne Ratgeberbroschüre. Die vier Fragen sitzen und geben Orientierung: Wo steht das Kind? Wo stehe ich? Was braucht es an Schutz? Und was an Förderung?

Text: Anouk Brunner und Joachim Zahn

%d